Der Kanzlerbrief



Berlin, 12.06.2002

Liebe Bürgerinnen und Bürger,


ich weiß nicht, ob Sie mit Fußball etwas am Hut haben oder nicht. Ich jedenfalls gehöre zu denjenigen, die sich für diesen Sport brennend interessieren und richtig begeistern können. Und natürlich verfolge ich zur Zeit aufmerksam, was bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea passiert und wie die deutsche Mannschaft abschneidet.

Klar, wir alle haben irgendwie ganz selbstverständlich erwartet, dass sich das Team von Rudi Völler für das Achtelfinale qualifiziert. Schließlich sind wir Deutschen in Sachen Fußball erfolgsverwöhnt. Aber war das wirklich so sicher, hat es in der Vorbereitungszeit nicht immer wieder Probleme und Rückschläge gegeben, sind nicht viele wichtige Spieler vor der Finalrunde durch Verletzungen ausgefallen?

Doch die Sorgen, so berechtigt sie gewesen sein mögen, waren bislang unbegründet. Die junge deutsche Mannschaft, die eine große Zukunft hat, präsentiert sich bei dieser WM-Endrunde als hoch­motivierte Einheit. Teamgeist und mannschaftliche Geschlossenheit sind beein­druckend. Rudi Völler und Michael Skibbe haben das Team optimal vorbereitet, klug einge­stellt und international noch nicht so erfahrenen Spielern wie Miroslav Klose oder Christoph Metzelder das nötige Selbstbewusstsein vermittelt.

Die deutsche Mannschaft zählte vor der Weltmeisterschaft nicht zum engsten Favo­ritenkreis. Das sind für mich auch heute eher Mannschaften wie Brasilien, Italien oder Spanien, die aufgrund ihrer Substanz und Erfahrung überlegen erscheinen. Aber diese Weltmeisterschaft könnte eine Weltmeister­schaft der Überraschungen, denken wir nur an das Ausscheiden von Argentinien und Frankreich, und der Außenseiter werden. Dänemark, ein beson­ders begeiste­rungsfähiges Team, hat in der Vorrunde stark aufgespielt. Und die Japaner könnten durch die Unterstützung des heimischen Publikums zusätzlich beflügelt werden. Vor Senegal und Schweden sind jetzt auch alle gewarnt. Und die deutsche Mannschaft? Schaun mer mal! Wir sollten auch jetzt realistisch bleiben. Ab dem Achtelfinale ist jedes Spiel wie ein Endspiel. Nur der Sieg zählt. Aber das Team um Oliver Kahn ist gefestigt und hat gelernt, gerade mit großem Druck um­zugehen.

Am Sonnabend beim Achtelfinale hat die Politik für mich mal Pause. Dann werde ich rechtzeitig aufstehen, Brötchen holen und mit meiner Familie frühstücken. Und anschließend wird am Fernseher mitge­fiebert, mitgezittert und werden die Daumen gedrückt. Ob's hilft? Ich hoffe es. Weil ich finde, dass uns die deutsche Nationalmannschaft bisher viel Freude be­reitet hat, und weil sie es verdient hat, noch weiter zu kommen. Finden Sie nicht auch?






Ihr Gerhard Schröder
Bundeskanzler